Wir freuen uns über rund 60 Gäste, die am Samstag den Vortrag unseres Autors Steffen Scholtz in der Böttcherfabrik in Pobershaus verfolgt haben. Unter dem Titel „Mythos Karl Stülpner“ präsentierte der Gornsdorfer Heimatforscher gemeinsam mit Christian Wobst, Verleger der edition claus, seine Erkenntnisse aus jahrelanger Forschung rund um den erzgebirgischen Volkshelden.
Auf Grundlage bislang unbekannter Archivalien, darunter umfangreiche tschechische Aktenbestände und eine 760 Seiten starke Kriminalakte aus dem Bergarchiv Freiberg, hinterfragte Steffen Scholtz mit seinem Vortrag weitverbreitete Legenden und lieferte eine differenzierte Neubewertung des Volkshelden. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Verein „Literatur im Erzgebirge“.
Karl Stülpner ist seit zwei Jahrhunderten eine Ikone erzgebirgischer Heimatliteratur, zahlreich gefeiert als „Robin Hood des Erzgebirges“. Die Überlieferungen basieren jedoch oft auf literarischer Ausschmückung, nicht auf belegbaren historischen Fakten.
Steffen Scholtz fasste sein Bild so zusammen: „Stülpner wuchs in ärmlichen und schwierigen familiären Verhältnissen auf. Beide Elternteile wurden durch Diebstähle straffällig. Dieses Umfeld prägte ihn frühzeitig. In seinem späteren Leben entwickelte sich der Wilddieb zu einem Narzissten, der seine Interessen mit Gewalt durchzusetzen versuchte und auf andere keine Rücksicht nahm.“
Die neue Forschung offenbart Stülpner als einen Mann mit einer dunklen, von Kriminalität geprägten Seite: Nach mehrfachen Desertionen suchte er Zuflucht in Böhmen und wurde dort Drahtzieher eines umfangreichen Kobaltschmuggels. Der skrupellose Menschenkenner verstand es, andere zu manipulieren und in seine Machenschaften zu verwickeln. „Dabei war es ihm gleichgültig, dass sie schwere Strafen, teilweise sogar die Todesstrafe, zu fürchten hatten“, erläuterte Steffen Scholtz.
In seinem Vortrag legte der Heimatforscher zum großen Interesse des Publikums umfassend Beziehungsnetzwerke offen, etwa zu Christiane Wolf und ihrer Beziehung zu Stülpner sowie zu seinen beiden Neffen Uhlig aus Dittersdorf.
Constanze Ulbricht, Vorsitzende des Vereins „Literatur im Erzgebirge“, freute sich nach gut anderthalb Stunden über eine gelungene Veranstaltung. „Steffen Scholz hat das Thema sehr sensibel vorgetragen hat. Die anschließende Fragestunde verlief sehr sachlich. Die ,Legende’ Karl Stülpner lebt weiter, denn sie gehört zum Erzgebirge, auch wenn der Mensch Karl Stülpner sicherlich eine andere Persönlichkeit verkörperte, als vermutet“, sagte sie.
Auch Steffen Scholtz hält trotz seiner kritischen Bewertung die Bedeutung der Stülpner-Legende für die regionale Identität hoch: „Es gibt den legendären Stülpner und den historischen. Beide sind völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. An der Legende sollte man festhalten, denn sie gehört zum kulturellen Erbe des Erzgebirges.“
Zum Weiterlesen
Das 472 Seiten umfassende Buch „Mythos Karl Stülpner – Ergebnisse historischer Forschung“ erschien im September 2025 in der Claus Verlag GmbH Limbach-Oberfrohna und ist für 35 Euro im Buchhandel sowie in unserem Onlineshop erhältlich.