„Alles fürs Kind“ überschreibt die „Süddeutsche Zeitung“ heute einen Text über bedürfnisorientierte Erziehung. Ziel des Textes ist es, Risiken, Grenzen und Missverständnisse des „Konzeptes“ aufzuzeigen. So heißt es im Text unter anderem, dass die Bedürfnisorientierung auf gesellschaftlichen Widerstand stößt. Und weiter: „… Psychologen warnen immer wieder, die Kinder von heute seien verwöhnt und könnten vor lauter Rücksicht auf ihre Wünsche keine Frustrationstoleranz entwickeln.“
Dr. Kathrin Hohmann, Autorin mehrerer Fachbücher zur Bedürfnisorientierung, hat eine klare Meinung zu solch pauschalen Vorwürfen. „Es ist leider so, dass Bedürfnisorientierung immer wieder missverstanden wird“, sagt sie. Und sie fügt hinzu: „Oft heißt es, Eltern sollten sich komplett zurückhalten. Und es wäre das Ziel, dass Kinder immer fröhlich, zufrieden und bedürfniserfüllt sind. Als müssten Eltern und pädagogische Fachkräfte alles aushalten und irgendwie verstehen. Aber genau das ist nicht gemeint.“
Seit fünf Jahren stellt sie gemeinsam mit vielen weiteren PädagogInnen, AutorInnen, WissenschaftlerInnen und Kitaträgern die Bedürfnisorientierte Pädagogik (BoP) auf ein fachliches und wissenschaftliches Fundament. Bedürfnisorientierung ist für sie kein Konzept, sondern eine Haltung. „Und dazu gehört für mich ganz klar: Wir Menschen haben nicht nur ein Bedürfnis nach Nähe, Autonomie und Verständnis. Wir haben auch ein Bedürfnis nach Grenzen, Schutz und Orientierung.“
Gewaltfreie Erziehung bedeute nicht, dass Erwachsene auf Autorität verzichten. Im Gegenteil: Es braucht Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und sich ihrer eigenen Grenzen bewusst sind. Erwachsene, die klar bleiben können, ohne zu beschämen, zu demütigen oder mit körperlicher oder seelischer Gewalt zu reagieren. Alles für glückliche Kinder? „Nein, darum geht es nicht“, macht Dr. Kathrin Hohmann deutlich.
Der US-amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg (1934–2015) sagte einmal sinngemäß so schön: Es geht darum, jedes Lachen zu lachen und jede Träne zu weinen. Frustration gehört zum Leben dazu. Wut gehört zum Leben dazu. Und umso wichtiger ist es, dass junge Menschen erleben dürfen, wie sie mit diesen starken Gefühlen umgehen können. Dazu gehöre aber eben auch, nicht alles zu erlauben. Sondern: „Ich sehe dich, ich verstehe dein Gefühl, und ich stoppe dein Verhalten, wenn es verletzt. Zum Beispiel so: ,Ich will, dass deine Hände bei dir bleiben. Das tut weh. Was wolltest du eigentlich sagen?’ Das ist für mich bedürfnisorientierte Begleitung. Ich darf klar sagen: So geht es nicht. Aber ich muss ein Kind nicht kleinmachen, um deutlich zu sein. Aggression ist nicht automatisch ein Angriff auf mich. Oft ist sie eine Strategie. Vielleicht sogar die beste, die ein Kind in diesem Moment gerade zur Verfügung hat.“
Service
Mehr praxisrelevante und wissenschaftlich basierte Informationen zum Thema Wut und den bedürfnisorientierten Umgang mit dieser, finden sich in Dr. Kathrin Hohmanns Standardwerk „Gemeinsam durch die Wut“ (19,90 Euro im Handel) und dem dazugehörigen Kartenset. Mehr Informationen zu Dr. Kathrin Hohmann und ihren weiteren Angeboten gibt es unter diesem Link.